22.10.2024
Buchkritik XXV

Benjamin Fredrich (ed.): 100 Karten über Rechtsextremismus

Ein schwieriges Buch.

Schwierig deshalb, weil die Intention klar und richtig ist, gerade mit Blick auf die Gegend, in der das Buch produziert wird. Wer es nicht gleich versteht, dem führt es der Auftritt des Verlags auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt vor Augen. 
Es ist uneingeschränkt positiv, daß es dieses Buch gibt, es ist uneingeschränkt positiv, daß es im Osten Mecklenburg-Vorpommerns Menschen gibt, die sich in dieser Weise engagieren.

Ich bin mir sicher, daß allein dieser Umstand für unzählige positive wie negative Rezensionen völlig ausreichend ist.
 

Aber leider ist das nicht alles: Am Ende geht es vor allem darum, einen Eindruck zu vermitteln: wie schlimm ist es? Wie konnte das passieren? 
Das ist schön und gut, aber - wie häufig bei Katapult - sehr mäßig umgesetzt.

Es gibt zahlreiche "kleine" Ärgernisse - etwa das die Nutzung von seriellen Grafikelementen auch zur Fehlerreproduktion führt ("alle abtstimmenden AfD-Abegordnete" allein 3x auf einer Seite), die auf schlampige Arbeit schließen lassen. 

Fragwürdige Einordnungen - so wird zwarr der Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober als solcher benannt, unter den 9 aufgeführten "Genozide weltweit" wird aber selbstverständlich der Israels an der Zivilbevölkerung Gazas aufgeführt. Daß es Ziel der radikalen Palästinenser ist, alle Juden umzubringen (und sie es auch umsetzen, soweit es im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt) wird nicht erwähnt. Überhaupt ist diese Karte ein gutes Beispiel für die sehr mangelhafte Methodik des Buches. Mal abgesehen davon, daß die wenigstens Daten und Zitate wirklich neu sind: 
Auf der gennanten Karte finden sich neun Genozide. Im dazugehörigen Fließtext werden insgesamt 6 erwähnt, darunter zwei, die es nicht auf die Karte geschafft haben. Daß die Karte nur eine Auswahl an Genoziden zeigt, wird im konkreten Fall nicht, in anderen nur ausnahmsweise erwähnt. 
Auf der Karte zu den Bücherverbrennungen im Deutschen Reich fehlen Dutzende, wie man anhand der Karte unter verbrannte-orte leicht feststellen kann. 
Ähnliches gilt für die Karte "Antisemitische Pogrome und Vertreibungen 1100-1800. Hier wird immerhin erwähnt, daß die Daten unvollständig sind; da die einzelnen Orte nicht benannt werden (was angesichts der Anzahl kaum möglich ist, zugegeben), überwiegt auch hier der visuelle Eindruck den Informationsgehalt - aber warum wird dann mindestens ein Pogrom aufgeführt, der a) keiner war (sondern eine behördlich angeordnete Ausweisung) und b) erst um 1815 stattfand? 

Solche Probleme ziehen sich durchs ganze Buch, und es verdeutlicht die eingangs genannte Absicht, lediglich einen Eindruck - aber kein echtes Wissen - zu vermitteln. Und das völlig abgesehen von der Tatsache, daß die wenigsten Daten wirklich neu sind. Da der Eindruck obendrein in aller Regel eben nur auf einer nicht nachvollziehbaren "Auswahl" und unvollständigen Daten beruht, stellt sich die Frage, ob das Buch die wirkliche Situation nicht sogar in erheblichem Maße verharmlost.

Das Fazit kann mit Adorno nur lauten: Finger weg. Denn: „Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht etwa die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind.“

19.07.2024
Buchkritik XXIV

Kurt Tallert: Spur und Abweg

Kurt Tallert ist der letzte Sohn des ehemaligen MdB Harry Tallert und nur wenig jünger als ich. Sein Vater wurde als Kind von den Nazis als Halbjude verfolgt - der Sohn schreibt jetzt über das Nachleben dieser Verfolgung. Wie ist sein Vater damit umgegangen? Wie geht er selbst damit um? Das Buch ist etwas ziellos, etwas kreisend, etwas unstrukturiert-erzählend, es will auch ganz bewußt kein Sachbuch sein. Was ich dabei begriffen habe: das ist aus gutem Grund so. Denn als persönlich Betroffener - und man kommt auch als Deutscher nicht umhin, persönlich von der Shoa betroffen zu sein, wenn man sich damit halbwegs eingehend beschäftigt - ist die Shoah etwas, was alles zerschlägt, das die Voraussetzung für "Struktur" sein könnte. Für einen Boden unter dem Füßen, für Worte. Und für alles, was folgt.

"Nicht dass mein Vater dies oder jenes wsr, sondern dass man ihn als dies oder jenes verstanden hat, genau genommen missverstanden hat, hätte ihn das Leben kosten können. [...] Aber was war er dann? Einfach nur ein Mensch? Gegen diese naive Vorstellung hat mich die Geschichte meines Vaters immunisiert. Denn was folgt schon daraus, dass jemand ein Mensch ist? [...] Wenn es innerhalb des Rahmens der Menschlichkeit liegt anderen Menschen das Menschsein abzusprechen, dann ist das Menschsein kein Garant dafür, ein Mensch zu sein."

Und so kreist das Buch in seinem Bemühung, diese Fassungslosigkeit zur Sprache zu bringen vor allem um etwas, was jenseits aller Menschen, die oft mindestens klischeehaft, gefühllos und beschränkt daherkommen, unbestreitbar "da" ist: um Orte. Vor allem um den einen Ort, der eigentlich keiner ist - den Ettersberg, vulgo Buchenwald. Hier war der Autor mit seinen Eltern bereits mit sechs Jahren zum ersten Mal - und er kehrte seither immer wieder zurück "an einen dieser Orte, deren Bedeutung für diejenigen, die an ihnen zu Zeitzeugen wurden, sich mir nie ganz erschließt. Was bedeuten sie für die Gegenwart? Zumindest in der Theorie sind sie von einer starken Symbolkraft, Zeichen für etwas, das als Teil unserer Geschichte - wenn dieser Begriff nicht ganz sinnlos sein soll - auch unsere Gegenwart noch etwas angeht. Wenn aber dieser Ort ein Zeichen ist, [...] wiensteht es um die Übersetzbarkeit dieses Zeichens? Ich sehe einen fast menschenleeren Ort, der aber ganz menschgemacht ist. Ich sehe die Ebene in der thüringischen Landschaft und sehe doch nur den menschlichen Zusammenhang, in dem sie steht, [...] der seinerseits ganz mit der Entmenschlichung in Verbindung steht, mit der Absicht, Menschen aus allen menschlichen Zusammenhängen herauszureißen. Die ungeheuerlichen Taten, die hier begangen wurden, lassen sich nicht zur Natur verklären. [...] Sie haben sich in diese Landschaft eingeschrieben, die sich einfach nicht auf Abstand halten lässt, auch nicht mit der Beteuerung, dass ich ihre Bedeutung nie ganz verstehe. Denn die Betonung unseres Unverständnisses ist auch ein Versuch der Entlastung. [...] Was bleibt zu sagen?"

Das Buch ist ein beeindruckender Versuch, hier Worte, eine Sprache (und dann auch noch: eine deutsche Sprache!), einen Umgang und Verständnis zu finden. Man kann sich dem entziehen und ich bin sicher: 95% von uns tun das nicht nur ausnahmsweise, sondern eigentlich permanent. Das ist menschlich. Menschlich ist es nicht.

26.06.2024
Buchkritik XXIII

Carl August Buchholz: Actenstükke die Verbesserung des bürgerlichen Zustandes der Israeliten betreffend.

Carl August Buchholz, Jahrgang 1785, der hier als "beider Rechte und der Philosophie Doctor" firmiert, beschrieb sich später als ausgesprochen nachlässigen Studenten, der einen Großteil seiner Zeit mit dem Verfassen belletristischer Literatur verbrachte. Das machte ihn schon als Student reich; später allerdings fand er seine Werke so schlecht, daß er versuchte, sie aufzukaufen und zu vernichten. 

Noch keine 30, betrieb er von Lübeck aus eine international agierende Kanzlei und wickelte u.a. den Konkurs eines großen Lübecker Handelshauses ab. Und er machte sich einen Namen als aufgeklärter Geist, der häufiger auch Juden vertrat. So kam es, daß die jüdische Gemeinde, deren von Napoleon erstmals garantierte Gleichstellung durch die deutsche Restauration bedroht wurde, ihn um Vertretung beim großen Kongreß in Wien bat.

Buchholz nahm an und tat mehr als das. Bevollmächtigt, für die Juden der drei Hansestädte Lübeck, Hamburg und Bremen zu sprechen, forderte er umgehend die umfassende Gleichberechtigung aller Juden Deutschlands und Österreichs ohne Vorbedingungen. Er war damit weitaus mutiger und radikaler als die (jüdischen) Vertreter der Frankfurter bzw. der österreichischen Gemeinden. Für ihn war das eine Sache der Selbstverständlichkeit. Es gäbe keinen Grund, Juden für minderwertige Menschen und Bürger zu halten; sie seien - wie Christen - zu allen Berufen geeignet, wie schon die Geschichte Israels bezeuge. Auch an Vaterlandsliebe und Opferbereitschaft stünden sie christlichen Deutschen in nichts nach, wie ihre rege Teilnahme an den Befreiungskriegen beweise - wer aber im Krieg das höchste Opfer zu bringen bereit sei, dem dürfe man im Frieden die vollen Bürgerrechte nicht vorenthalten!
Buchholz zieht zur Stärkung seines Arguments die Literatur und Gesetzestexte seiner Zeit, etwa den damals schon klassischen Dohm heran, er beruft sich auch ausdrücklich auf jüdische Quellen: Friedländer, den "deutschen Sokrates" Mendelssohn, aber auch den von Napoleon einberufenen Sanhedrin und den Talmud. 

Es gelang ihm, die Haltung der damaligen Großmächte Preußen - in Person von Humboldt, mit dem er sich anfreundete - und Österreich wesentlich zu bestimmen. Dennoch war er nicht erfolgreich. Eine Intrige des Lübecker Vertreters Hach und des späteren Bremer Bürgermeisters Smidt - beide bis heute in ihren Heimatstädten hochgeehrt - verhinderte die Annahme eines progressiven, aufgeklärten Textes und ermöglichte den beteiligten Staaten, wieder zur Rechtslage zurückzukehren, die vor Napoleon gegolten hatte. Für Lübeck bedeutete das den Rückfall ins 17. Jahrhundert und die umgehende "Austreibung" der Juden aus der Stadt ins Moislinger Ghetto. Daran sollte sich erst 30 Jahre später etwas ändern, auch hier war Buchholz kurz vor seinem Tod noch maßgeblich beteiligt.

Zu seinem 100. Todestag 1943 wurde er als Jude diffamiert, bis heute tut sich die Stadt mit der Erinnerung an ihn schwer. Dabei wäre er eine der Lübecker Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, auf die man noch heute stolz sein könnte.

25.04.2024
Buchkritik XXII

Es gibt diese goldene Regel, niemals Bücher zu lesen, die es auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft haben, und es gibt Ausnahmen von dieser Regel.

Um es vorwegzunehmen: Saitos Systemsturz ist keine Ausnahme.

Durchaus zutreffend in seiner Kritik von einigen Konzepten wie der Green Economy oder dem grünen Wirtschaftswachstum, auch in einigen seiner Schlußfolgerungen (Hinweis auf die "Fearless Cities" oder die Wichtigkeit von "Commons"), gewinnbringend auch in seinem Ansatz, den "späten Marx" in den Blick zu nehmen, arbeitet Saito insgesamt populär bis oberflächlich.

Eine grundlegend-kritische Betrachtung von Begrifflichkeiten wäre vielleicht zuviel verlangt - was z.B. macht den "Kapitalismus" einzigartig, ist er wirklich ein modernes Phänomen oder schlicht "menschlich" und eine biologische Konstante? Was bleibt, sind viele Unsauberkeiten. So faßt Saito (nicht untypisch) das Problem der Entfremdung so auf, daß er damit die Grundprinzipien einer arbeitsteiligen Gesellschaft an sich kritisiert. Arbeitsteilung hat für ihn also Entfremdung zwingend zur Folge. Kann man das so sagen, und was bedeutet das - konsequent durchdacht - für jede menschliche Gesellschaft? Doch ein konsequentes Weiterdenken der eigenen Voraussetzungen und Schlußfolgerungen fehlt hier nahezu komplett.

Bei all dem bedient er zahlreiche halbverstandene Modebegriffe. Ein Beispiel sind die sog. Bürgerräte. Sind die wirklich eine neue Ebene und Dimension der Demokratie, oder nicht schon durch ihr Zustandekommen (Losentscheid) zutiefst undemokratisch? Wie soll da z.B. Verantwortlichkeit aussehen und gehandhabt werden?

Besonders exemplarisch zeigt sich Saitos Arbeitsweise gegen Ende des Buches, als er sein Konzept des Degrowth-Kommunismus erläutern will, doch schnell nochmal abschweift: "schauen wir uns zuerst noch ein globales Ereignis an, das ebenfalls der Krise des Anthropozäns zugerechnet werden kann: die Corona-Pandemie."

Saito übergeht die teils durchaus kontroverse Diskussion um den Begriff des Anthropozäns komplett, nimmt ihn als gegeben hin und modifiziert ihn zum "Kapitalozän" - eine Welt, die gänzlich vom Großkapital beherrscht und zerstört wird. Das mag trendy sein, trotzdem gilt: damit wird ein an sich geologischer Begriff (Klassifizierung von Erdzeitaltern) vollends zum politischen Kampfbegriff. 
Die "Corona-Pandemie" ist für Saito ein Symptom dieser Situation. Sie ist eine unmittelbare Folge der kapitalistischen Ausbeutung der Welt. Klar, daß andere Epidemien, die teils viel verheerender waren, da nicht ins Bild passen und deshalb auch nicht erwähnt werden müssen. "Als die erste Corona-Welle über uns hinwegfegte, waren sowohl Masken als auch Desinfektionsmittel nicht zu bekommen, da alles Mögliche ins Ausland outgesourct wurde... Dieses Problem ist im Grunde nichts weiter als der von Marx beschriebene 'Gegensatz von Wert und Gebrauchswert'" (S. 212). Wer aber bestimmt den wirklichen Wert der Dinge, vor allem mit Blick auf die Zukunft? Egal. 
Klar ist vor allem: "Während der Corona-Pandemie müssten wir mittlerweile ja gelernt haben, dass man sich auf den Staat nicht verlassen kann" (S. 213). "Auf lange Sicht werden halb gare Lösungsstrategien in einem chronischen Ausnahmezustand nicht funktionieren. So kann die etablierte Sozialdemokratie dem Aufstieg des Rechtspopulismus nichts entgegensetzen, weshalb Mitte-Links-Positionen keinen Platz in einer Lösungsdebatte haben sollten. Stattdessen sollte die Losung 'Kommunismus oder Barbarei' lauten, wir haben bloß diese zwei Alternativen!" (S. 214) 
Ich habe das letzte Zitat nicht wegen seiner Polemik gegen die Sozialdemokratie gebracht, sondern zur Illustration der "Argumentationsweise": Viele Schlagworte, wenig Begründungen, viel Populismus, gnadenlose Zuspitzung. 

Und was sind die ganz garen Lösungsvorschläge Saitos, jenseits des Schlagworts "Kommunismus"? Wieder ein Beispiel, mit esoterischen Anklängen an die Weisheit der edlen Wilden Lateinamerikas: "Eine solche Bewegung für den Degrowth-Kommunismus sieht man auch im Konzept des 'buen vivir'. Die Phrase bedeutet 'gutes Leben' und stammt ursprünglich aus der Sprache der Ureinwohner Ecuadors, wurde aber später ins Spanische übersetzt. Im Jahr 2008 fand sie Eingang in die neu verabschiedete ecuadorianische Verfassung, womit sich der Staat verpflichtete, seinen Bürgern fortan ein "Buen vivir" zu garantieren. Der Sligan verbreitete sich anschließend in ganz Südamerika und wird heute von der Linken weltweit verwendet. Auf dem ganzen Planeten fanden damit mehr als bloß zwei Worte Verbreitung - es ist eine Neubetrachtung der eigenen Wertvorstellungen. ... Ein Beispiel dafür ist das 'Bruttoinlandsglück' (BNG) in Bhutan." 

Und so geht es in wenigen Sätzen voller Worte von einem Ende der Welt zum anderen. Was - abseits von ein bißchen "Ureinwohner"-Romantik - das Konzept des "buen vivir" z.B. von dem "pursuit of happiness" der USA unterscheidet - immerhin das "Mutterland des Kapitalismus" und damit für Saito so eine Art großer Satan - wäre vielleicht interessant gewesen. Man findet dazu nichts. 
Fehlanzeige - und damit symptomatisch für das ganze Buch.

06.06.2023
Buchkritik XXI

Nach vielen Jahren wiedergelesen. Ehrlich, es gibt bessere (Kinder-)Bücher über die Zeit...Klaus Kordon zum Beispiel.

Recheis deckt zwar das ganze sog. Tausendjährige Reich ab, aber die sehr kurzen Kapitel sind oftmals eben doch nur Erinnerungssplitter, man könnte das dichter erzählen.
Trotzdem ist das Buch wertvoll - nicht nur, weil Erinnerungen von Zeitzeugen heute noch wertvoller sind als vor 30 Jahren, als das Buch erstmals erschien. Sondern auch (und darüber kann man streiten), weil das Buch Zeugenschaft, Hilflosigkeit und Gewissenskonflikte vieler, die immer dagegen waren, fortwährend thematisiert (es ist heute sehr einfach, zu sagen, man selbst wäre dagegen gewesen und hätte Widerstand geleistet - und andererseits ist auch klar, daß die meisten Opfer des NS den Luxus dieser Entscheidung auch nicht hatten). 

Andererseits zieht Recheis die richtigen Schlüsse, und die sind heute oft vergessen, beispielsweise, wenn man an Aktionen wie "Sucht uns" des deutschen Zentrums für Politische Schönheit und die Reaktion der Verantwortlichen auf die Kritik daran denkt:

"Wir sollten wachsam sein gegen die Anfänge, auch in uns selber, sogar wachsam gegen unseren eigenen Idealismus, wenn er Andersdenkenden keinen Platz mehr läßt und sie zu 'Feinden' macht. Wir sollten uns bewußt sein, daß jede Intoleranz gegen Menschen, die anders sind als wir, schon die Wurzel kommenden Unrechts in sich trägt."

02.06.2023
Buchkritik XX

Für mich steht Mustafa Khalifas Roman, dessen Übersetzung Stefan Weidle vor einigen Jahren mit dem scheinbar wenig passenden Untertitel "Tagebuch eines Voyeurs" verlegt hat, gleichberechtigt in der Reihe der großen russischen Gefängnisliteratur oder etwa Kempowskis "Im Block" - und ist doch noch um einiges schonungsloser. Ich habe selten ein derart grausames Buch gelesen - und konnte doch nicht aufhören. Deshalb paßt der "Voyeur" dann doch - nicht so sehr auf den einsitzenden Protagonisten des Romans, dessen vermeintliches Tagebuch wir hier vor uns haben (es ist schon eine einigermaßen absurde Idee, in dieser ewig gleichen Hölle Tagebuch zu führen). Der Voyeur ist der Leser.

Der Roman liefert anhand des Mikrokosmos des Wüstengefängnisses in Tadmor/Palmyra nicht nur einen Schlüssel zum Verständnis der syrischen Gesellschaft vor der Revolution 2011 (es wird sich seither in einem Großteil des Landes nicht viel geändert haben), er zeigt auch auf, warum diese Revolution unbedingt gerechtfertigt und notwendig war - trotz ihres weitgehenden Scheiterns. Er macht die Biographien und Traumata von Flüchtlingen aus arabischen Diktaturen verständlicher - und deutet in all dem auf den scheinbar so unbeteiligten Westen, der nicht nur die Revolte dieses unterdrückten Volkes schmählich im Stich gelassen hat sondern sie obendrein - ganz wie die syrischen Machthaber selbst - kriminalisiert und lieber im Meer ersaufen läßt anstatt sie aufzunehmen, anstatt ihnen auch adäquate und professionelle Hilfe zu gewähren.

Aber natürlich: wir haben nichts damit zu tun.

Der syrischen Geheimdienst lernte seine Methoden übrigens von dem engen Mitarbeiter Adolf Eichmanns, von Alois Brunner. Als Brunner von den Franzosen verurteilt und bestraft werden sollte, verhalfen ihm seine alten Kumpels in der deutschen Organisation Gehlen zur Flucht nach Syrien, wo er völlig unbehelligt (und von den Geheimdiensten geschützt) lebte. Noch in den 80ern gab er der Bunten und der Krone Interviews, die vor Antisemitismus nur so trieften - einer der beteiligten Journalisten bezeichnete Brunner als die widerwärtigste Person, die ihm je begegnet sei.

Als ich 2003 mit der Universität Erfurt in Tadmor war, war das von Khalifa geschilderte Wüstengefängnis im Ort ebensowenig ein Thema wie Brunner - der zu diesem Zeitpunkt womöglich noch immer in Damaskus lebte. Wann er starb ist umstritten. Und dennoch bin ich seinem Vermächtnis begegnet: In der Erleichterung einer der Familien, in denen ich zu Gast sein durfte, als sich die Tochter von ihrem Mann scheiden ließ, der für die Militärpolizei arbeitete. In der Angst eines (übrigens ziemlich privilegierten) syrischen Bekannten, als im Damaszener Straßenverkehr plötzlich ein Auto mit dem Nummernschild des Geheimdienstes vor uns auftauchte.

10.05.2023
Buchkritik XIX

Erich Kästner: Über das Verbrennen von Büchern.

Die Büchergilde Gutenberg hat anlässlich des 90. Jahrestags der Bücherverbrennung eine Reihe lesenswerter Textchen Kästners zum Thema neu herausgebracht. 

Kästner, der wohl einzige Autor, der bei der Verbrennung seiner Bücher selbst anwesend war, blieb nach 1933 in Deutschland und ging den Weg der inneren Emigration, hatte aber durchaus gewisse Wirkmöglichkeiten und eine gewisse Prominenz - so schrieb er immerhin das Drehbuch zum großen Münchhausen-Film der UFA 1943.

Auch die Büchergilde selbst hatte - als bekennend linker Verlag und "Kulturinstitution der Werktätigen", die sich explizit der Moderne verpflichtet hatte - unter den Nazis zu leiden: bereits 1933 wurden ihre Räume in Berlin durch die SA besetzt, die Mehrzahl der Mitarbeiter herausgedrängt, das Unternehmen gleichgeschaltet. 1934 gab es den Versuch, sie aus der Schweiz heraus weiterzuführen, aber ihre Geschichte in Deutschland konnte erst 1945 wieder neu beginnen. Auch daran erinnert dieses lesenswerte Büchlein.

13.07.2022
Buchkritik XVIII

Der Roman - sicher nicht überragend, aber keineswegs schlecht - gewinnt gegen Ende enorm. 

Allerdings ist diese Einschätzung vor allem darin begründet, daß ich die angebliche Verwandtschaft des Protagonisten mit einem "Mann ohne Eigenschaften" so nicht sehen kann und will. Sie scheint mir eher eine bewußte Täuschung des Autors, ähnlich ironisch wie das Spiel mit seinen Nachnamen, Faber. Denn Ulrich Faber, der vielfach unterschätzte, kommt - hinter aller Rhetorik - keineswegs eigenschaftslos-untätig daher, jedenfalls, solange seine Welt noch halbwegs in ihren Fugen ist. Und selbst dann ist er wohl einer der prinzipientreuesten Charaktere des Buches - oder vielleicht: gerade dann - obwohl er selbst nicht immer sympathisch gezeichnet ist. Denn nicht mitzutun ist manchmal nicht nur der ehrlichste, sondern auch der schwierigste Weg. 

"Ohne Eigenschaften" scheint mir eher Gerda Rohr zu sein, deren älteres männliches Gegenbild auch der Ex-Soldat, Ex-Theosoph, Ex-Kommunist und neubekehrte rechtsextreme "Intellektuelle" Lorenz Münch sein könnte. 

Dadurch wird der Roman auf mehreren Ebenen zu einem Dokument des Scheiterns und zugleich der (Selbst-)Täuschung, aus der es zumindest für Gerda Rohr immerhin einen Ausweg gibt: doch Eigenschaften zu haben. Sie schwimmt. Ob mit oder gegen den Strom? Dies bleibt im Roman (zum Glück) offen.

20.09.2020
Buchkritik XVII

Über weite Strecken recht geschwätzige und erschreckend belanglose Unterhaltung. Man mag darüber streiten, ob der Autor dem Thema damit gerecht wird: immerhin ist es sein Anliegen, gerade die Normalität und Allgegenwart des Abgrunds der Schrecken deutlich zu machen. Deshalb der alltägliche Titel, deshalb der Plauderton.

Oder überspannt Vuillard und - um ein Bild des Romans zu übernehmen - gibt sich lediglich in ähnlich grotesk-überkommener Weise einem Bedürfnis hin wie ein bemüht-lässiger Minister, der über Tennis zu parlieren versucht? Dem Bedürfnis nämlich, auch entspannt über das Schreckliche reden zu können? 

Eine eindringliche Stimme und Sprache findet der Autor nämlich erst in den Schlußkapiteln, als die Illusion der Normalität, die all für alle Beteiligten ohnehin nie existierte, unwiderruflich geplatzt ist. In diesen letzten Kapiteln gilt für den Roman (der keiner sein will), was auch - um eine andere Szene des Buches aufzugreifen, die etwas zusammenhanglos in den Text gestellt ist - für Hollywood zutrifft: selbst mit trivialen Mitteln kann mit mitunter sehr deutlich und wahr sprechen. 

Allerdings, was Wahrheit und Unterhaltung betrifft: in diesem Tonfall haben andere längst erheblich klarer und deutlicher gesagt, was zu sagen war - von Monty Python bis zu Mel Brooks, ja selbst Roberto Benigni.

06.11.2019
Buchkritik XVI

Bruno Schönlank: Blutjunge Welt. Gedichte

Let's face it: keine große Literatur, stilistisch und im Anspruch bewußt einfach gehalten. Schönlank gilt bei Wikipedia als "Arbeiterdichter", der der Sozialdemokratie nahestand, sein Klientel war entsprechend. Man merkt das.

Andererseits: als Dokument der Umbruchszeit und des beginnenden Friedens durchaus wertvoll und von einer Bedeutung, die über die unmittelbare Gegenwart des Heftchens hinausreicht.

24.09.2019
Buchkritik XV

When reading this book, it is essential to take into account that the author is coming from a certain existentialist background - he is heavily influenced by both Stefan George and Sigmund Freud and draws from their theories in this book as well.

So, one easily might regard the book as being a bit dated (it has been written in the 1940s, after all, and Japan changed quite a bit in the latter half of the 20th century). On the other hand, I do think that while both George and Freud might not been right on many things, they were insightful, intelligent, and inspiring thinkers in their own right. So a book based on their influence is worth a read even today, especially when it is written with such a huge amount of knowledge like this one.

Singer lived  in Japan for many years and was in touch with Japanese culture for a much longer time. Singer had an immense knowledge, deep first-hand experience of Japan and clearly knew what he was writing about, probably unlike many other Western authors (and possibly Japanese as well).

His study is not only knowledgeable, but beautifully written as well. The 1930s were a watershed for traditional Japan and modern Japan in many ways. Singer was able to experience these tensions and to put them into perspective. I doubt it is possible to understand modern Japan without having read Singer's brillant study, particularly from a Western perspective.

03.09.2019
Buchkritik XIV

Das Buch ist klar gegliedert und gut lesbar, darüberhinaus bietet es eine umfassende Materialsammlung, die allerdings bisweilen etwas zusammengegoogelt wirkt und bei der auf zentrale Figuren und Argumentationsmuster am bürgerlichen Rand der "neu"rechten Bewegung nicht eingegangen wird. 
So wäre etwa ein Hinweis auf die Rechtsprofessoren Otto Depenheuer und Michael Pawlik und deren Theorie des "Bürgeropfers" und der Schaffung eines "Feindrechts", vorgetragen mit direkter Bezugnahme auf den "Kronjuristen des 3. Reiches", Carl Schmitt und immerhin schon vom damaligen Bundesinnenminister Schäuble als Nachtlektüre empfohlen, wünschenswert gewesen.

Dementsprechend wirkt das Buch bisweilen etwas oberflächlich, auch sonst muß man nicht alle Argumente teilen. Warum sollte man beispielsweise die "neurechten" konservativen Revolutionäre nicht Nazis nennen? Nur weil man damit ggf. unbedarfte Mitläufer verschreckt? Immerhin waren die allermeisten derer, die sich zur konservativen Revolution rechnen lassen, am Ende auch "gute" Nazis - bis zum bitteren Ende. Warum sollte es heute anders sein?
Die "rechte Flanke" ist eben keine homogene Bewegung, ihre Protagonisten können sich oft genug gegen die "eigenen" Leute wenden und tun es auch - wie die Autoren gleichfalls, etwa am Zerwürfnis zwischen Kubitschek und der Jungen Freiheit, herausarbeiten.
Auf der anderen Seite lassen sich die Argumente konservativer Revolutionäre nicht einfach dadurch widerlegen, in dem man den Nachweis führt, sie bedienten sich "bei einem [...], der mit 22 Jahren das Zeitliche segnete und der bis dahin noch nicht einmal ein Auto gesehen hatte", wie es an einer besonders dämlichen Stelle des Buches zu Theodor Körner heißt. Wenn das der Maßstab für eine relevante Agenda sein soll, dann wird Liane Bednarz, die Autorin des Buches und gläubige Katholikin, zutiefst dankbar dafür sein, daß Jesus Christus wahrscheinlich gut zehn Jahre älter wurde.

Doch abgesehen von solchen Schwächen handelt es sich um ein im positiven Sinne meinungsstarkes Kompendium, das gut als Einstieg taugt - und "Einsteiger" sind wohl auch seine Zielgruppe: Im positiven Sinne besorgte Bürger, die angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks besorgt sind um den Zustand unseres Gemeinwesens, Bürger, die eine Gesellschaft wollen, die nicht willkürlich ausgrenzt, sondern die liberal, offen und demokratisch ist.

29.04.2019
Buchkritik XIII

Puh. Wutbürgertum von links. Nicht dumm, aber vor allem pseudo-intellektuell und anstrengend.

Dabei hätte man gewarnt sein können: wenn der Klappentext verkündet, die Autorin schreibe "Poesie als Revolte", also einen Text, den es um die Zerschlagung von Ordnung geht und der gleich im ersten Satz schon dadurch charakterisiert wird, die Autorin teile "ordentlich" aus. Da zeigt sich gleich, wie wenig genau und sorgsam der Umgang mit Sprache im vorliegenden Falle ist. 

Das kann natürlich auch Programm sein. Ist hier aber nicht der Fall. Sondern eher das, was man auf Englisch als "rant" bezeichnet und in Deutschland im "Bierkeller zu Göttingen" (Heine) auf die Ohren bekommt.

04.12.2018
Buchkritik XII

Sprachlich souveräne, brillante Gesellschaftskritik. Aber gerade dadurch, daß der Autor die Angstmechanismen der Gesellschaft als Verkaufsgespräch darstellt und die meisten dieser Ängste nichts weiter sind als Neurosen, entsteht eine demaskierende Doppelbödigkeit: die Ängste werden als Geschwätz entlarvt (und Geschwätz nervt mich). Für die eigentliche, begründete Angst am Ende des Buches gibt es hingegen keine adäquaten Worte mehr, sie ist und bleibt namenlos - was ja auch in der Natur der Sache liegt.

21.06.2018
Buchkritik XI

Ich war erst mäßig begeistert und dachte: "naja, gutes Handwerk, mehr nicht". 
Dann fiel mir etwas auf. Denn das Buch ist m.E. ein äußerst grausiges, keineswegs ein "wild unterhaltsames Buch" (o.ä.), wie es irreführenderweise auf dem Umschlag heißt: es zieht sich noch etwas durch den Roman, eine Melodie, die immer wieder auftaucht, immer wieder auch im Zusammenhang mit Tyll.
Tyll hat einen Plot. Ja, der Roman ist eine Aneinanderreihung von Szenen (wir kennen sowas auch von Episodenfilmen). Ja, er hat (scheinbar) keine durchgehende Handlung. Und nein, es geht nicht um den historischen Till Eulenspiegel, es geht noch nicht einmal so sehr um den Winterkönig usw. (den die historische Forschung m.W. mittlerweile recht anders bewertet als Kehlmann, der aber aus dramaturgischen Gründen so gestaltet ist, wie er gestaltet ist).

"Es ist ein Schnitter, der heißt Tod."
Schon im Prolog heißt es von Tyll, er rufe den Krieg herbei - und mit seinem Verschwinden (dem zugleich der Entschluß Tylls einhergeht, "nie zu sterben"), endet der Krieg. Ganze Kapitel sind Sterbeszenen, abgesehen von den Personen im nächsten Umfeld Tylls wird nur einer von ihm "menschlich", d.h. mit Respekt behandelt (der sterbende Winterkönig), ein anderer - der auf seine Weise genauso durchgeknallt und todbringend ist wie Tyll selber (Athanasius Kircher) - ist ihm zumindest ebenbürtig. 
Tyll ist für mich eine Parabel auf den Tod und menschliche Abgründe (nicht umsonst auch der Hintergrund des 30jährigen Krieges, der nicht historisch ist: Till ist eine Figur aus dem 14. Jhd!). 

Als solche Parabel ist das Buch sehr gelungen. Als historischer Unterhaltungsroman weniger - aber ich glaube nicht, daß Kehlmann unter die Unterhaltungsschriftsteller dieser Art gegangen ist. Ob man so etwas immer lesen will ist fraglich. Wenn man sich einmal darauf einläßt jedoch zieht der Roman schnell in seinen Bann.

06.11.2017
Buchkritik X

Ich mag Proust nicht. Seine Prosa empfinde ich als nervöse, barocke Geschwätzigkeit, als Versuch, Unsagbares mit zahllosen Adjektiven zu versehen und es so erfahrbar zu machen. Ein Versuch, der in meinen Augen scheitern muß und für mich ein literarisches Spiegelbild dessen darstellt, was Henry van de Velde in seinem Essay "Amo" an den Architekten seiner Zeit so unnachahmlich kritisiert: "Einerseits war es uns im Gebiet der Architektur und des Kunstgewerbes seit langem nicht mehr möglich, an die Notwendigkeit und Wirklichkeit der Funktionen der verschiedenen Bestandteile, wie: Säulen, Giebel, Metopen und Gesimse... zu glauben, die den Stilen des Altertums entlehnt waren. [...] So erklärten wir, die wir ehrlich sind, daß wir nicht länger eine Architektur und ein Kunstgewerbe lieben könnten, die nicht einmal mehr zu verbergen suchten, daß sie selbst nicht mehr an die Begriffe der Konstruktion und Ornamentik glaubten, die sie ausschließlich anwandten! [...] 
Meine Generation hat zu Beginn ihres Mannesalters den Druck empfunden, unter Menschen von getrübter Intelligenz leben zu müssen, die mit den organischen Elementen der Architektur spielten, wie Kinder mit Bauklötzen, die Säulen und Bögen, Giebel und Gesimse aufeinandersetzten ohne irgendwelchen Sinn und Grund, und ohne Konsequenzen. Wir empfinden noch heute mit Grauen, in einem Irrenhaus geweilt und der stumpfsinnigen Beschäftigung der Leute zugeschaut zu haben, deren Gehirn gelähmt war und die eigensinnig, wie nur Irre es sein können, darauf bestanden, auf allem, was ihnen unter die Finger kam, eine Fülle und Überfülle von Verzierungen, Blumen und nackten Frauen anzubringen."

Mein ästhetisch-stilistisches Ideal ist ein anderes: 
"'...ich wollte unbedingt den Mann kennenlernen, der mit so wenig Adjektiven so viel darlegen kann.'
'Naja, eine Sache ist eine Sache, vollkommen egal, was man davor setzt: langsames Auto, großes Auto, von Chauffeur gelenktes Auto...' 
'...defektes Auto...'
'...Es bleibt ein Auto.'
'Allerdings zu nicht viel nütze.'
'Und die Liebe? Romantische Liebe, platonische Liebe, Kindesliebe. Da gibt es Unterschiede' ..."

Klar, daß vor dieser Nüchternheit ein Marcel Proust erblassen muß und ich bei einem barocken Autor wie Proust unwillkürlich die Flucht ergreife. 

Anders bei Curtius. Curtius bewundert Proust rückhaltlos und sein Aufsatz ist so brillant, daß er mir Proust verständlicher gemacht, auch nähergebracht hat - gerade darin, daß er mir noch eine weitere Ebene in Worte gefaßt hat, die mich von Proust trennt: Prousts Zurückweisung jedes Willens, der nicht rein ästhetisch - und damit dekadent ist. Die Beschränkung der eigenen Schöpfungskraft auf einen rein künstlerischen Bereich, die für mich darauf hinausläuft, den Versuch zur Lenkung des eigenen Willens hin zu einer verantwortlichen Haltung in der Welt gar nicht erst zu wagen.
Es mag sein, daß der Wille erst für die zweite Verwandlung des Menschens steht und die dritte die letzte und höchste ist: die vom Löwen zum zweckfrei spielenden Kinde. Aber was diese Verwandlung bedeutet, demonstriert wohl niemand so drastisch und überzeugend wie der späte Nietzsche, der diese Verwandlung zu einem Preis vollzog, wie er einer ästhetisierenden europäischen Edelfäule nur entsetzlich sein kann.

04.08.2017
Buchkritik IX

Rudolf G. Binding: Die Geliebten. Gedichte

Liebesgedichte von Rudolf Binding, die ich vor zwanzig Jahren im Bücherschrank meiner Großmutter entdeckte und damals gern las - grade wegen dem, was ich heute so schwierig finde: wegen dieser Aura pathetischer Verklemmtheit und Schwüle, bei teils banal-platten, teils wunderschönen Formulierungen, die sie verbreiten. 

So steht dieses Buch für seine Zeit - und dies auch in seiner Doppelbödigkeit: das letzte "Kapitel" trägt den Titel "Nordische Kalypso (1933)". Binding, der den Nationalsozialismus aktiv unterstützte und einer der wichtigsten Schriftsteller der Bewegung war, schrieb es für seine letzte Geliebte. Sie war Jüdin und wurde nach Bindings Tod in die Emigration getrieben.

29.01.2017
Buchkritik VIII

Sicherlich das schwächste Buch von Feuchtwanger, das ich bislang gelesen habe - nicht zuletzt wegen seiner künstlichen Schöpfung einer biblischen Lebenswelt, die doch inkonsequent bleibt, weil sie so ohne moderne Perspektiven gar nicht denkbar ist.
Leider erstreckt sich diese künstliche Schöpfung auch auf die arg archaisierende Erzählsprache, die an die Sprache der Bibel mindestens ebensosehr angelehnt ist, wie sie hinter ihr zurückbleibt.

Trotzdem ist es noch immer ein Feuchtwanger.

02.09.2016
Buchkritik VII

Inhaltlich ist dieses Buch die Dokumentation eines Fiebers, einer selbstzerstörerischen Krankheit am Leben, aber auch aneinander. Je mehr man sich darauf einläßt und die Briefe nicht als romantisches Dokument einer Liebe liest, die einem fern ist und die man deshalb gleichermaßen überhöhen oder ignorieren kann, umso größer wird die Macht, die sie auf einen ausüben - oder das Zurückschaudern mit dem Instinkt des "Gesunden". 

Bei all dem stehen wunderbare Sätze darin, die von einer einzigartigen Intimität sind. Sie stehen neben Banalitäten, wie sie in jedem Briefwechsel vorkommen und werden begleitet von einer zerquälenden Nabelschau. Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob hier der Leser nicht zwangsläufig zum Voyeur einer Sache wird, die nie für ihn bestimmt war und ihn auch nichts angeht.
Von erfrischender Klarheit hingegen die beigegebenen Briefe Milena Jesenkas an Max Brod - man hätte sich von diesem Antidot mehr gewünscht. Ein Mangel des Buches, der sich wohl nicht mehr wird beheben lassen.

Ein anderer, schwerer Mangel liegt im Aufbau der Edition. Neben etlichen kleineren Dingen ist hier vor allem die Umwandlung von Fußnoten und Anmerkungen in Endnoten zu nennen, die schon für sich genommen eine Barbarei darstellt. Dabei wird diese Praxis im vorliegenden Buch noch dadurch verschlimmert, daß die Anmerkungen zu den Briefen in den Briefen selbst nicht gekennzeichnet werden - mit Ausnahme der unmittelbar unter den Briefen abgedruckten Übersetzungen tschechischer Passagen. So blättert man ständig - und häufig auf Verdacht - zwischen dem Brief und Anmerkungsteil hin- und her.

02.09.2016
Buchkritik VI

The book is a must-read of sorts when connected with Harper Lee's To Kill A Mockingbird. Now, I know about the controversy around the publication and I see the point that this particular book never should have been published; it is a rump, it has its lengths and certainly needed lots of improvement. While reading, I found myself asking "What am I doing here?" on two or three occasions. Mrs Lee had good reasons to never publish this work and it is shameful that these reasonings have not been respected.

But (and this is a huge but): The book is not bad, there are beautifully composed scenes and characters in it (I especially loved Dr. Finch) and while To Kill A Mockingbird is one possible solution to the book's many problems, the Watchman does tackle the issue of race in another, and certainly more insistent way. While it also is tied to the political events of its time to a greater extent, to me, it also asks different questions and reaches a more differentiated conclusion when compared to Kill A Mockingbird. It demonstrates that there could have been other ways to tackle the issue than Mrs Lee chose in the end.

So I have to repeat myself: this is a must-read, but not only because it is closely connected to an iconic book but also due to its own inherent worth.

14.06.2013
Buchkritik IV

Zugegeben, ich bin diesem Buch gegenüber voreingenommen. Die Tatsache, daß ich während der Lektüre im Zug einem kölschen Rentnerchor ausgesetzt war, der, frisch vom Wanderausflug zurück, fröhlich zwischen Holunderschnäpschen, BILD, Kölsch, pseudo-griechischer Volksmusik und eigenen Trinkliedern lärmend schwankte, mag zu einer Atmosphäre beigetragen haben, die der Aufnahme von Prousts Tage der Freuden ein wenig hinderlich war.

Immerhin aber wurde so unmittelbar erfahrbar, warum viele der in dem Buch versammelten Texte mich nicht unmittelbar zu berühren vermochten. Eingebettet in eine fast schon schmerzhafte Demonstration schlechter Musik in Kombination mit den sie begleitenden Emotionen zeigte sich, daß es hier nichts gibt, was kathartisch, erlösend, oder auch nur romantisch irgendwie zu verklären wäre. „Ihr Platz ist sehr tief in der Geschichte der Kunst“, aber anders als Proust meint, eben auch nicht „ungeheuer hoch […] in der Geschichte der Gefühle innerhalb der menschlichen Gemeinschaft.“ Wenn dies „den Schatz von tausend Seelen empfangen, […] das Geheimnis von unzähligen Lebensläufen“ hat, dann läßt sich wenig Schmeichelhaftes über die Reichtümer dieser Seelen sagen. Am Ende ist schlechte Musik, jenseits aller Wünschbarkeiten, vor allem eines: schlechte Musik.

Natürlich bin ich hier ungerecht gegenüber Proust, denn selbstverständlich ist das nicht die Welt, in der sich sein Buch bewegt. Prousts Welt ist hochgradig künstlich und idealisiert. Natürlich sind seine Protagonisten adlig oder bewegen sich zumindest in bürgerlichen Salons. Natürlich empfinden sie so rein, zart und intensiv – selbst dort, wo sie sich selbst der Sünde und der Widerwärtigkeit zeihen -, daß die unmittelbare Konsequenz ihrer Empfindungen oft genug nur der Tod sein kann. Im Grunde ist das Buch eine fortwährende Variation über Gefühlszustände und Empfindungen, über Kunst und Künstlichkeit und vor allem über die Angst vor der Vergänglichkeit und dem unausweichlichen Verlust dieser Gefühle. Keine der Gestalten Prousts besitzt emotionale Stabilität und damit Reife. Wirkliche Charaktere, wie wir sie bei Balzac finden, gibt es nicht. Prousts Figuren sind alle schwankend und schwach, gefangen in ihrer Verstrickung zwischen Ideal, Realität und eigener Unzulänglichkeit.

Anatole France’s lobendes Urteil, das Buch sei „wie ein junges Antlitz voll seltenen Zaubers und köstlicher Anmut“ trifft genau, aber das gilt leider auch für die Schattenseiten dieser Charakterisierung: wie dem anmutigen und glatten jugendlichem Antlitz fehlt eine wirkliche Tiefe der Charaktere. Und – da sie in ihrer Scheinwelt gefangen sind – fehlt der Bezug zu menschlichem Leben. Was bleibt, ist Dekadenz.

All das bedeutet nicht, daß Proust ein schlechter oder unfähiger Schriftsteller wäre. Mitunter gelingen ihm Sätze (nein, das ganze Buch ist voll davon), die außerordentlich treffend und kunstreich sind. Oft allerdings gleitet er auch ab in die Untiefen sentimentaler Banalität, wie sich etwa an der Verarbeitung des mystischen Ortes Sils-Maria zeigt. Zuvor vielleicht Nietzsches berühmtes Gedicht, sicher keine hochwertige Dichtung, aber von beeindruckender literarischer Kraft:

Sils-Maria

Hier sass ich, wartend, wartend, –
Doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Geniessend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

Da, plötzlich, Freundin! Wurde Eins zu Zwei –
– Und Zarathustra ging an mir vorbei…

Proust nun erlebt seinen Erweckungsmoment in Sils-Maria so:

Plötzlich wandten wir uns um, da sahen wir einen kleinen Schmetterling daherkommen, dann zwei, dann fünf, wie sie die Blumen an unserem Gestade verließen, um über dem See sich zu wiegen. Bald schienen sie eine unfaßbare Wolke fortgewehter Rosen, bald landeten sie an den Blumen am anderen Ufer, sie kamen zurück, um von neuem sanft ihre abenteuerliche Überfahrt zu wagen, und bisweilen zögerten sie, verlockt, über dem kostbar getönten See, der in seinen Farben einer großen sterbenden Blüte glich. 
Das war zuviel, unsere Augen füllten sich mit Tränen. Diese kleinen Schmetterlinge, die über den See segelten, kamen und gingen über unsere Seelen – über unsere Seele, die angespannt war vor Erregung durch so viel Schönes, bereit, zu vibrieren, zu erbeben -, sie gingen dahin und kamen wie ein wollüstiger Geigenstrich.

…das hätte der Autor einer Telenovela kaum besser hinbekommen.

26.5.2013
Buchkritik III

J A Mortram, who has been named as one (of 20) photographers to watch in 2013 by the distinguished British Journal of Photography, recently published a book featuring Tilney1, one of the persons portrayed in Mortram’s Small Town Inertia series, and some of his work. Tilney1, whose work is compared by Mortram to the American painter Basquiat, suffers from Schizotypal and Obsessive Compulsive disorders, and Mortram tries to document Tilney’s life, work, his suffering, and the fight with his illness.
(The pictures below are all from this book, courtesy Jim Mortram).

Being a rather slim volume, it cannot but only hint towards the fullness of Mortram’s undertaking. But what is he doing anyway? And what is special about his kind of work?Mortram lives in rural East Anglia, where he works being a carer for his mother, who suffers from epilepsy. While doing that, he found that both disability and socio-economic relations leads into people being “judged, stereotyped and misrepresented in both life, and to some extent, the media, and have no opportunity to answer or fight back.” As a consequence, he extended his work to other people from his community, using his genuine interest about their lives, their suffering, their happiness, to lend them a powerful voice to be heard.

Mortram has the rare gift to create both trust and empathy. By this, he helps others, while documenting their lives with the means of photography and story-telling, to find understanding, recognition and, as a consequence, hope and self-respect. Mortram challenges our view of other people, and while he has dedicated himself to them, he also demands this dedication from his audience. It is impossible to fully grasp the depth and quality of Mortram’s work by just glancing at a couple of nice shiny pics. The stories Mortram has to tell, are much more than that. As a consequence, he not only turns an eye where others chose to turn their heads, he manages to open up hearts on both sides. This cannot be achieved convincingly without stepping back. Mortram tells stories without letting his personal ambition get in the way. In fact, Mortram’s modesty extends to rejecting the label art for his work vigorously. He wants to document, to tell stories, to present life “as is” – without judgments, even without pointing a finger and forcing conclusions. And he succeeds.

This is special enough. In itself, it would completely justify high praise for Electric Tears and All Their Portent (Café Royal Books, £5,00). Accordingly, the book was sold out within two hours, and has peaked at a price of £57,23 on ebay only recently.

But to me, the book only is an excerpt of a whole cosmos that Mortram’s project constitutes – with a new story planned to follow up about once a month for the remainder of the year and no fixed ending. By portraying people and their life in both their smallness and their greatness, by preserving and strengthening their human face, his work turns out not only to be on empathy and trust, but on dignity as well. By insisting that his work could be done everywhere and by everybody, he – although being mistaken – nevertheless makes one point very clear: he does far more than portray simple people coming from his neighbourhood. In these portraits, something bigger is mirrored: humanity. His project is vast, a modern day comédie humaine, and while being nothing less than shmancy-fancy and artificial, it is art. Art of understanding, art of humanity. As such, it will endure.

04.03.2013
Syrische Klage

Syrien gab es nie. Es war ein Land der Träume, der guten wie der bösen, des Glückes und der Alpdrücke. Gerade als solches konnte man ihm umso vollständiger verfallen. Wer es vor hundert Jahren bereiste, ging durch die gleichen Landschaften wie seine Vorgänger und – bis vor wenigen Jahren – auch wie seine Nachfolger. Nicht, weil sich im Land nichts verändert hätte. Auch in Syrien traten Entwicklungen, Umstürze und Revolutionen auf, die nicht weniger dramatisch waren als anderswo. Aber wie kaum ein anderes Land war Syrien immer ein Ort der Reisenden: von Istanbul nach Mekka, aus den fernen Städten Afghanistans in die Levante, von Europa, von Athen nach Jerusalem. Und zugleich waren seine jahrtausendealten Städte in der Wüste – Aleppo, Tadmur, Damaskus – Orte der Sehnsucht, die sich selbst denen, die durch ihre Gassen schritten, nur zögernd enthüllten. Auch dem Liebenden gaben sie sich nie ganz. Immer waren sie größer als er und zeigten im mehr, als das Auge sieht. Syrien war wie ein Spiegel der Träume und Hoffnungen. Die alten Beschreibungen, die in Damaskus das „Auge des Orients“, eine Perle in der Wüste oder gar einen Abglanz des Paradieses sahen, legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Das Land, Ort früher Hochkulturen und seit Menschengedenken eine Brücke zwischen den Zivilisationen, war für mich ein Bild der oikoumene, der ganzen bewohnten Welt, mit ihrem Leid und ihrer Menschlichkeit.

Und doch war diese Traumspiegelung immer eine doppelte Projektion.

Ich durchreiste Syrien ohne festes Ziel und auch ohne festen Weg, dem ich folgen wollte. So wanderte ich durch die verlassenen Städte des Nordens, in denen einstmals byzantinische Asketen ihr Leben auf Säulen zubrachten, entfernt und erhöht über die Welt, die zu ihren Füßen lag, bewundert für ihre Weisheit und Wundertätigkeit.

In Aleppo ging ich durch die legendenumwobenen Markthallen und suchte nach dem Grab eines Heiligen, von dessen Heldenmut man sich Wunderdinge erzählte: Er habe die Stadt schon gegen die Kreuzfahrer verteidigt und sei immer ein Beschützer ihrer Bewohner und der Muslime gewesen. Zuletzt sei er während der Irakkriegs von den Toten auferstanden, um auf einer Kanonenkugel reitend die Invasoren zu bekämpfen. Der alewitische Diktator hatte das Grab daraufhin zubetonieren lassen aus Angst, dereinst könne sich der Heilige gegen ihn selbst wenden.

Ich wurde umschwärmt von Kindern, die Postkarten verkauften, von Händlern, die ihre Teppiche anpriesen und mich in höhlenartige Läden zu locken versuchten, in deren Tiefen sie neben billigen Schwertern und Tüchern aus Asien, Schuhen aus Italien auch Nippes, Gebrauchsgegenstände und die zusammengeklaubten Hinterlassenschaften vergangener Generationen als hochwertige Antiquitäten verkauften, Fußball sahen oder beim Minztee über den Tag, die Welt und das Leben redeten.
Später zeigte mir der deutsche Archäologe Karl Kohlmeyer im Schoß der Zitadelle, die heute wieder zur Festung geworden ist, die hethitischen Reliefs aus dem Allerheiligsten des Wettergottes Haddad, nach denen Georges Ploix de Rotrou schon vor hundert Jahren vergeblich gesucht hatte. Als der Aufstand losbrach konnten sie nicht mehr gesichert werden und mußten, nachdem sie über dreitausend Jahre überdauert hatten, lediglich von Sandsäcken geschützt zurückbleiben. Ob sie im Laufe der heftigen Kämpfe zerstört wurden, Raubgräbern zum Opfer fielen oder doch ein heiliger Wundertäter aus seinem Grab entstieg um sie zu schützen kann heute niemand sagen.
Nachdem ich mehrere Tage durch die Stadt gewandert war und am letzten Abend vor meiner Abreise völlig erschöpft und erkältet zu Bett gehen wollte, schenkte mir Hamsa im Hotel ein Glas Honig. “Iß, und morgen wirst Du gesund sein”. Er sollte Recht behalten.

Am nächsten Tag brach ich auf nach Tadmur, dem sagenumwobenen Palmyra, tief in der Wüste, von dem noch vor wenigen Jahren ein Emir gesagt hatte, diese Stadt habe nur von Djinnen, nicht von Menschen erbaut werden können. Beim Abendessen traf ich Myassar, der mit den zahllosen alten Gemäuern seiner Heimat nichts anzufangen wußte und davon träumte, einst ein großer Architekt zu werden. Andreas Schmidt-Colinet, der in Tadmur anhand alter Quellen nach den Überresten der alten, vorrömischen Stadt suchte, zeigte mir die hellenistischen Sarkophage im Museum. Palmyra sei nicht nur eine Handelsstadt gewesen, sondern immer ein Ort der Nomaden. Wie Syrien habe es seine Bedeutung nur als Mittler erlangen können. Sobald das Streben nach politischer Macht Land und Menschen in Besitz nahm, sobald der scheinbar so prekäre Posten zwischen Welten verloren ging, brachen Handel, Wohlstand und Kultur zusammen. Als Tadmur vor zweihundertfünfzig Jahren von den Europäern wiederentdeckt wurde, war aus der einst blühenden Stadt ein Dorf aus Lehmhütten geworden, das sich in den Überresten des ehemaligen Baaltempels zusammendrängte.

In Damaskus schien die Spannung, die anderswo schon zu erahnen gewesen war, kaum vorhanden zu sein – und fiel mir doch mehr auf als irgendwo sonst. Die ummauerte Altstadt der Stadt war von den Franzosen zunächst von den umliegenden Hügeln aus mit Artillerie beschossen und dann massiv mit modernen Betonbauten erweitert worden. Es war westliche Weltstadt und engherziges Bauerndorf zugleich. Voller iranischer Pilger mit ihren tiefverschleierten Frauen auf der Suche nach heiligen Schreine besuchten, für die nicht selten in den letzten Jahren ganze Stadtviertel abgerissen worden waren. Voller Reisender aus allen Richtungen, die sich an den Ausfallstraßen verproviantierten und sich im Stadtzentrum durch die engen Gassen der Märkte drängten. Voller europäischer Sprachstudenten, die dem Traum von 1001 Nacht gefolgt waren, der sich zwischen Müllbergen, verkrüppelten Katzen und Verkehrslärm nicht erfüllen mochte.

Aber sie war auch voller Orte wie Alkhamieh, ein kleines Musikgeschäft, dessen Besitzer hinter seiner Anlage zurückgezogen lebte wie ein Mönch in einem abgeschlossenen Garten und dort eine Platte nach der anderen hörte. Hier traf ich Taufiq, der nichts lieber tat, als im Hof Nüsse zu knacken und zu rauchen, aber zusammenzuckte, sobald ein Polizeiauto zu sehen war und sich angstvoll weigerte, öffentlich ein Wort über Politik zu verlieren. Er stellte mich seinen Schwestern vor, zwei ausnehmend hübschen jungen Frauen, die verzweifelt – sie bewegten sich auf die Dreißig zu – nach potentiellen Heiratskandidaten suchten, die ihnen einen Weg ins Ausland öffnen konnten.

Nach einigen Tagen suchte ich das Deutsche Archäologische Institut auf, um mich über aktuelle Forschungsprojekte im Land zu informieren. Bei dieser Gelegenheit wurde ich zu einem Interview am Goethe-Institut gebeten, das unmittelbar gegenüber der ehemaligen DDR-Botschaft lag. Der Leiter erzählte mir, wie vor 1990 DDR-Bürger versucht hatten, sich über das Institut nach Westdeutschland abzusetzen und deutete einiges zur schwierigen Lage der Kulturarbeit unter der aktuellen Diktatur an. Dann befragte er mich zum Reiz, den das Land auf mich ausübte. Ich beschränkte mich auf die üblichen Komplimente, auf Verweise auf die große Geschichte, den kulturellen Reichtum und die religiöse Toleranz.

Hätte ich über Khaled sprechen sollen, der abends oft in einer düsteren Bar im Damaszener Christenviertel saß, wo er zwischen Frank Sinatra und dem fünften Bier verzweifelt gegen die gesellschaftlichen Zwänge anrannte, die ihm die Luft zum Atmen nahmen, ein normales Verhältnis zwischen Mann und Frau unmöglich machten “und uns alle zu emotionalen Krüppeln machen, die nicht mehr wissen, wie wir mit einander umgehen, über was wir miteinander reden dürfen“?

Oder über Rafah, die sich schon damals keine Furcht mehr leisten wollte, weil ihr die Männer ohnehin schon das schlimmstmögliche angetan hätten; die lauthals über die „Mafia“ schimpfte, “die uns alle gegeneinander aufhetzt”? Als ein Polizist ihr auf offener Straße „Hure“ hinterherrief und ich ihn zur Rede stellen wollte, hielt sie mich zurück: „Laß nur – ich bin das gewohnt, aber Du… Du bringst Dich nur in Schwierigkeiten.“ Ich bewunderte ihren Mut und ihre Entschlossenheit, die es so vielleicht nur bei den Unterdrückten gibt. Aber am liebsten war mir Izdehar, die sich in Musik, Literatur und Sprache verträumen konnte. Als sie ein Stipendium für Europa erhielt, ging ihr das Herz auf, weil ihr Vater in seiner Tochter zum ersten Mal einen Menschen erblickte, mit dem er von gleich zu gleich reden konnte.

Was wird aus ihnen geworden sein? Die Welt, in der sie lebten, ist zu Schutt und Asche zerfallen. Und wann immer ich an sie denke, kommt mir auch Ismael, jener alte Mann aus dem Irak in den Sinn, der unter Saddam Hussein im Gefängnis gesessen hatte und der seine Kinder im Bürgerkrieg verloren hatte. Er hatte es irgendwie nach Syrien geschafft, verbrachte seine Tage in Cafés, wanderte durch die Straßen und wartete – ohne zu wissen, worauf. Zu viel war ihm genommen worden, um noch Hoffnung auf bessere Zeiten zu haben. Sie sollten auch nicht kommen. Stattdessen verkauften immer mehr irakische Eltern ihre Töchter in großen Damaszener Bordellen an saudische Touristen, im Tausch gegen Essen und, manchmal, das vage Versprechen einer sorgenfreien Zukunft. Heute tun Syrer in großen Flüchtlingslagern in der Türkei dasselbe. Und ihre Söhne verkaufen sich selbst.
Nein, Syrien gab es nie. Aber auf eine lange Zeit wird es Syrien auch nie wieder geben.

04.03.2013
Buchkritik II

I bought this book only recently, and purely by chance. In fact, I just needed change to buy a ticket for the tube and did not want to spend money on a second, or even third breakfast. So I ended up in a bookstore and left it with a volume of poems by Eva Strittmatter and Hermlin’s book.

Although I never had read a book by Hermlin before, I had heard his name when I was young. I understood he used to be one of the most remarkable (positively as well as negatively) writers from the German Democratic Republic. And I took notice of his death in 1997. But he was a distant figure for me, and I never heard anything about the row that raged in 1996 over the details of his (invented) biography and was kindled by his book Evening Light.

As such, I was able to read Evening Light without much of the background that caused the irritations back in 1996. I did not know anything about Hermlin’s biography. I did not know that he had used most of the stories told in Evening Light as autobiographical illustrations of his own life.

This led me to a number of different judgments. I did not for an instant interpret this book as an autobiographical collection of short stories. For me, it has been, and to some extent it still is: fiction. Fiction based upon the historical background of history as it played out in the first half of the 20th century. However, looking back, some cornerstone’s of Hermlin’s biography made me think.

For me, the quality of the book does not lie in the political views laid out in its stories. The title, Evening Light, may or may not refer to the Eve of European Democracy, of Civilization previous to World War II and the Death Camps. I tend to handle books from the GDR with great caution when it comes to political analysis. As such, I have to say I was at times very annoyed with Hermlin’s outspoken communist propaganda. But precisely this propaganda and its tone especially seemed rather ambiguous to me. How come that in Hermlin’s prose open praise of Stalin as a saviour who is going to lead the USSR towards a bright future goes together with the praise of Soviet avantgardism, a movement that has been crushed by this very same supreme leader? And in another story dealing with defectors from the German KP to the Nazis in early 1933, Hermlin not only writes that a countless number of friends became guilty of treason towards communist ideals and changed sides, he also names one of these former friends directly: Erich M. Now, Hermlin was at times a close friend of Erich Honecker, but he also devoted himself to the peace movement in the GDR, he protested against the invasion of Prague in 1968 and tried to protect Biermann and other artists. As a consequence, Hermlin ran into severe trouble with the ruling SED (though he continued to be a member) and became heavily supervised by the Ministry for State Security, through the omnipotent Stasi, commanded by comrade Erich Mielke. Did Hermlin hide some allusions here?

Be that as ist may, for me, the all-to-often heroic narrative that coins the political passages of the book spoilt the reading experience for me. But this does not mean I could not recommend the book. It is, after all, a documentary of sorts. Many of the told stories might not have happened to Hermlin, or they might not have happened at all, but they could have happened. They do fit into time and place, and in the end, it is totally irrelevant if those people witnessing the murder of Karl Liebknecht in Berlin’s street had been Hermlin’s parents or another, random family. The fact remains: they were there. And there were many public murders to witness during these times. While Hermlin seems to tell about a single, very concrete fate – allegedly “his” own -, he in fact tells of fragments from a collective past. Many fathers have been send to death camps, did not lose their pride and died when their strength left them – or the gas chamber opened its doors. Many brothers fell as soldiers in the war against Hitler’s army. In the end, it turns out to be irrelevant whether Hermlin was there in person or not.

And, as I indicated: the parts on politics are not at all the books strongest. Hermlin shines as a writer not when he describes his way within communist ranks and his belief in Stalin, but when he writes about atmospheres and about inter-personal relations. Here, Hermlin can be poetic, here he is able to catch the essence of love and despair (as in the wonderful piece on his father’s younger brother). These are the passages that fully justify the rather allegoric title of Evening Light and make the book a read to remember.

18.09.2012
Buchkritik II

Beeindruckendes Buch, mit der kleinen Einschränkung, daß die Bemühung, Heidegger zu "retten" ebenso unnötig wie durchsichtig ist. Das Argument jedenfalls, es gäbe auch Elemente in Heideggers Denken, die geglückt seien bzw. an die sich in "glückender Weise" anknüpfen ließe (Verweis auf Arendt und Marcuse), wirkt ein wenig hilflos. Es gibt - wenn man ihn nur konsequent entsprechend interpretiert - wohl bei jedem Autor Gedanken, an die sich in glückender Weise anknüpfen ließe. 
Wäre es nicht konsequenter gewesen, auf diese Art der Kommentierung zu verzichten? Heidegger wird kaum ein besserer oder schlechterer Philosoph durch die Interpretationen und Konsequenzen, die Marcuse und Arendt aus ihm zogen - auch wenn der geistsgeschichtliche Kontext und auch die Rezeptionsgeschichte (und zwar die vollständige, wenn sie Sinn machen soll) immer wichtig und bedeutsam sind, sollte die Interpretation eines Autors doch überwiegend aus ihm selbst heraus erfolgen.

16.11.2010
Box Office I

Miral / ميرال / מיראל

Miral is quite an infamous movie. Infamous for its pro-palestinian perspective, its substantive lack of depth, subjectivity and even for the audacity of casting a “bollywood actress” for the female leading character. Much of this critic is not rightly deserved but might be due to the nature of expectations derived from Schnabel’s earlier movies, like Le scaphandre et le papillon.

While some of the critic can be rejected outright, the major problems remain. In fact, the movie as such is extremely challenging. First, there is the style in which Schnabel creates movies, his many different techniques, styles, blends that some times do not fit and are not always convincing (especially in the end when he does a sacrifice to popular taste by adding Tom Waits to Hind’s funeral).

The more challenging (and more fruitful) problem is posed by the perspective which, in a way, is similar to that of Le scaphandre et le papillon, as it is completely restricted to one point of view. While in the earlier movie, the perspective largely was that of the French editor Bauby – going as far as locking the audience into his body and looking through his eyes – the latter movie takes a strictly Palestinian position. This is very restricted and can be discussed in multiple (not necessarily negative) ways. First, the stories of the three main female characters: Hind, Nadia and Miral. Even though all of them remain somewhat anaemic, all of them face in their very own way a reality which forces them into action but which they cannot shape. In the end, the real hero of the movie turns out not to be Miral, who, like her mother leaves a desperate existence behind. The true hero is Hind al-Husseini, who is portrayed as a flawless saint, coming from some kind of a fairy tale long turned into forgotten history (illustrated by the old maps of the middle east shown in the beginning of the movie), struggling to turn wretched refugees and orphans into emancipated personalities able to carry on the fate of the Palestinian people. Of course, she fails. Not because of the archaic, traditionally patriarchal structure of the Palestinian society (which is thematized in a somewhat marginal way while telling Nadia’s story). Not because the invading Israelis, who mostly are portrayed as a dark, violent and alien force, but because of the frictions within the Palestinian society itself.

True, Israel is the bad guy in this film – but that is the Palestinian perspective on the matter, be it right or wrong. But the fact that most Israelis represent not real human beings, but a somewhat impersonal power, can be interpreted at least in two different ways. First, it can be seen as plainly anti-Semitic – the fact that the only “real” Israeli in the movie, a girl from Haifa that befriends Miral against her will, does not fit into the stereotype at all is no argument against it. Yet, I still am somewhat hesitant to apply this interpretation. The movie as such is – even though it is full with Hind’s social commitment and the political fight of Palestinian resistance movements – a completely anti-political movie, as Julian Schnabel himself pointed out. Like the historian Jacob Burckhardt 150 years ago, Schnabel portrays political power itself as evil and corrupting. It is not just the Israelis who distort a peaceful life. The Palestinians destroy themselves and their hopes for a better future by their political radicalism and their intolerance. In the end, Miral’s love, the Palestinian terrorist, not only seems to be refined and ready to make peace with Israel, but he also – and consequently – is murdered by his own people for his deviance. This murder destroy Miral’s dreams as effectively as the intifada and the political engagement of her pupils have destroyed Hind’s – and while Hind in the end is shown sitting in her empty school, old, deeply afflicted and lonely, the only perspective for Miral lies in leaving her country for good. In the end, all of them turn out to be a simple flower at the roadside, helpless watching how the wheels keep turning.

The movie has many minor defaults, above all because it fails to create multi-faceted, developing protagonists. But it gives an impressive account on the Palestininan perspective of the Mideast conflict and shows at the same time, why there are no simple solutions, even with regards to only one of the warring factions. To get an idea of the whole picture, however, a deeper involvement with the Israeli view also would be necessary.
 

09.05.2009
Buchkritik I

Existence philosophy turned out to be the most influential topic last century’s philosophy. Thinkers like Heidegger have been discussed continuously and widely, their influences extend deep into popular discourse and affect fields far beyond sociology, ethics, or theology. It could be argued that existence philosophy represents a habitus or feeling that, at times, spread through most of European middle (and upper) classes. It’s topics contain more than the usual quest for the “happy life” or an acceptable ethics; instead, existence philosophy deals with “existencial problems” like the question of “God” (and consequently: morality as such) or “Being” as a whole, thus trying to answer a deep rooted insecurity within European intelligentsia that perhaps has been most vibrant between 1850 and 1950.

Seen in this context, Rattner’s resp. Danzer’s extremely well and understandably written monograph adresses a very important question while asking whether existence philosophy might be jut a passing fancy or not, still having actuality for our times. The basic question would be: does existence philosophy ask relevant questions that are not only connected to a (mode of) Being conditioned by its times? Are the times that formed existence philosophy’s ideas still relevant for our understanding of the world, of society, or ourselves? We like to see historic developments everywhere, and especially the 20th century has been a very, a fundamentally eventful time period. It would be easy to argue from a Christian or Hegelian point of view that with the rise and the stabilization of a democratic and pluralistic society and the expansion of a new, democratic, capitalist, in short: “western” ethics and values the past becomes irrelevant to us – indeed, formulations related to an “end of history” come to mind.

Not only the current financial and cultural crisis make this approach very questionable. It would be a grotesque exaggeration that Western values can be defined in a clear manner – it’s background is far beyond our experience. The imprint of Christianity on the society has waned for centuries, humanist ideals have thoroughly been questioned by philosophic tradition and the belief in a continuous development of mankind has been shattered by the European wars, the shoah and continuing ethnic “cleansings” all over the world. While it seemed for some time – especially during the Cold War – that a certain European or even Western consensus, some form of common identity could be reached, today, these hopes are severely dashed by particularists, nationalists and populists all over Europe and the Western world – not to speak of other regions.

Unfortunately, the question whether the answers of existence philosophy are acceptable and could provide some common ground remains unanswered as well in Rattners book. In fact, despite its title, these questions are neither asked nor discussed. The definitions of the conditio humana given by existence philosophy remains untackled, its quest for a modern ethics and identity unanswered. The reason lies not so much in the fact that the authors do not provide a fresh, critical opinion on the authors (Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger, Jaspers, Sartre, de Beauvoir, Camus, and Löwith) they discuss. On the contrary, their personal comments are always compassionate, understanding and thoughtful, although – especially in the case of Heidegger, who is seen as a prominent, but paltry, provincial thinker and racketeer opportunist – not always doing complete justice to the discussed subject. The problem lies elsewhere. The authors have obviously failed to decide on the kind of book they wanted to write – a thorough discussion of the matter, as suggested by approach and title or a short introduction that is very limited in space and profundity. The result is a very readable introduction that has nice ideas and the occasional refreshing and thoughtful remark but contains nothing fundamentally new and is highly questionable even from the outset: Why were these thinkers chosen, especially if Löwith is seen as “less independent thinker” (p. 207) – or de Beauvoir, who is less a philosopher than an essayist, auto-biographer, novelist and scientist, as the authors themselves formulate it (p. 157)? Why not include Scheler, Plessner, Rosenzweig or others? Another severe problem of the book lies in space. While it is – especially regarding its undeniable introductory character – very pleasing to see the authors placed in a context of biographical introdution and a short discussion of their works, there hardly is to be found a  general conclusion that is worth reading. If there is one at all, it often does not exceed more than a few lines (in the case of Heidegger it is a meagre page, in the cases of Camus and Löwith it is missing completely). The bibliography of the book comprises of three pages – which is, again, somewhat pathetic regarding the fact that the books deals with eight major figures of existence philosophy – for a mere introduction, however, it might barely suffice.

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